Reflects entscheidet sich nicht für mehr, sondern für besser

Von Suzanne Jacobs Jun 19, 2026

Wer Reflects noch als den deutschen Anbieter mit einem breiten Sortiment kennt, der für fast jede Anfrage etwas im Regal hat, muss sein Bild korrigieren. In Köln wurde in den letzten Jahren kräftig geschnitten, geschoben und neu aufgebaut. Nicht nur aus Notwendigkeit, sondern auch aus Überzeugung. Im Gespräch mit dem Eigentümer Meinhard Mombauer, seinem Sohn Marc Mombauer und dem Vertriebs- und Marketingmann Peter Leseberg wird schnell klar: Reflects will nicht länger alles für jeden sein. Das Unternehmen will etwas Anspruchsvolleres. Aber vielleicht auch etwas Interessanteres.

Reflects nennt sich heute nicht mehr Generalist, sondern Multispezialist. Das klingt wie ein kluger Marketingbegriff, aber hinter diesem Begriff steckt eine ziemlich radikale Entscheidung. Das Unternehmen brachte Struktur in ein einst sehr breites Sortiment, erneuerte sein Erscheinungsbild, schärfte Produktgruppen und investiert stärker in die eigene Entwicklung. Weniger Rauschen, mehr Richtung.

Vom breiten Anbieter zu schärferen Labels

Die Wende begann bereits 2019. Damals umfasste Reflects noch rund 2.500 Produkte und war, wie Meinhard es selbst zusammenfasst, „ein bisschen von allem“. Von Pins und Lanyards bis zur Elektronik: Das Angebot war breit, aber das Profil weniger scharf.

Gemeinsam mit Kunden, dem eigenen Team und externer Begleitung wurde gefragt, worin Reflects eigentlich wirklich stark war. Die Antwort führte zu einer klaren Neupositionierung. Die alte Breite wurde durch drei erkennbare Säulen ersetzt: Reeves für Elektronik, Retumbler für Getränke und RE98 für Geschenke und Ideen. Damit veränderte sich nicht nur das Sortiment, sondern auch das Denken.

Diese Bewegung erforderte Entscheidungen. Auch schwierige Entscheidungen. Produkte, die intern geliebt wurden, verschwanden dennoch aus dem Sortiment. Gleichzeitig wurde stärker auf eigene Produktentwicklung gesetzt. Wo Reflects anfänglich auf 10 bis 15 Prozent eigene Kreationen zielte, liegt der Anteil neuer Produkte inzwischen bei 50 % und wächst. Das ist nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern auch der Position. Wer wirklich herausstechen will, muss mehr tun als nur clever einkaufen.

Gestalten statt weitergeben

Hier liegt sofort ein zweiter wichtiger Punkt. Reflects sieht auf dem Markt immer weniger wirklich neue Produkte auftauchen. Die Qualität mag oft gut sein, der Drang, etwas Eigenes zu schaffen, scheint laut den Deutschen nachgelassen zu haben. Genau hier will sich Reflects abheben.

Dass dieser Kurs nicht ohne Erfolg ist, zeigt die Anerkennung, die das Unternehmen erhielt: vier Jahre in Folge gewann Reflects einen Red Dot Award. Das sagt einiges über die Qualität des Designprozesses, aber auch über die Ambition aus. Nicht einfach ein Logo auf ein bestehendes Produkt setzen, sondern wirklich über Form, Funktion, Material und Gebrauch nachdenken.

Peter Leseberg sieht darin eine klare Aufgabe für die kommenden Jahre. Reflects will nicht nur schöne Produkte machen, sondern auch deren Wert besser vermitteln. Denn genau da hakt es manchmal noch. Einzigartige Produkte verkaufen sich nicht von selbst, vor allem nicht in einem Markt, der immer schneller, digitaler und preisempfindlicher wird.

Die Kunst des Kombinierens

Eine der interessantesten Erkenntnisse aus dem Gespräch ist, dass Reflects immer weniger in einzelnen Produkten denkt und immer mehr in Kombinationen. Nicht eine Tasse, ein Kabel oder eine Trinkflasche, sondern Produktfamilien, die zusammen ein logisches Ganzes bilden.

Das passt zu der Art, wie Kunden heute einkaufen. Laut Reflects verlagert sich die Nachfrage immer mehr in Richtung Onboarding-Pakete, Willkommenssets und Programme, in denen mehrere Artikel zusammenkommen. Eine Trinkflasche neben einem Tech-Artikel. Ein Notizbuch neben einem Accessoire. Produkte, die nicht getrennt voneinander betrachtet werden, sondern als Teil eines Konzepts.

Dadurch entsteht auch eine andere Art der Konkurrenz. Auf der einen Seite gibt es große logistische Anbieter, die Volumen und Geschwindigkeit bieten. Auf der anderen Seite stehen Anbieter, die vor allem über Preis oder Einzelprodukte konkurrieren. Reflects sucht bewusst einen eigenen Weg dazwischen: nicht gewinnen über Masse, sondern über Zusammenhalt, Erscheinungsbild und Auswahlmöglichkeiten.

Komplexität als Stärke und als Hindernis

Und genau hier beginnt auch die Herausforderung. Denn sich abzuheben ist schön, solange man es auch einfach erklären kann. Reflects arbeitet mit enorm vielen Variationen in Farbe, Komponenten und Kombinationen. Das Unternehmen spricht inzwischen von mehr als 32.000 direkt lieferbaren Produkten oder Varianten. Bei einigen Artikeln steigen die Konfigurationsmöglichkeiten so weit an, dass ein Produkt bereits hunderte oder sogar mehr als tausend Varianten ergeben kann. Das ist kommerziell attraktiv, weil Distributoren damit etwas eigenes aufbauen und Preisstabilität bewahren können. Aber digital ist das ein Kopfschmerzthema.

Der moderne Webshop mag keine Überfülle. Zu viel Auswahl führt schnell zu Entscheidungsstress, das geben sie bei Reflects selbst auch zu. Gerade deswegen wird intensiv an digitalen Präsentationen, schlauen Produktdaten und automatisierten Methoden gearbeitet, um Distributoren schneller und besser durch diese Komplexität zu führen.

Das ist vielleicht der Kern der nächsten Phase. Nicht zurück zur Einfachheit, um das Internet zu bedienen, sondern die eigene Stärke so zu präsentieren, dass auch Online-Kunden damit klarkommen. Oder, wie es in Köln zwischen den Zeilen klingt: Einzigartig zu sein ist wunderbar, solange man es nicht unnötig kompliziert macht.

Eine neue Generation am Tisch

Dass Marc Mombauer seit Anfang 2025 Teil des Management-Teams ist, passt logisch in diese Geschichte. Er ist nicht der Sohn, der nur mal zum Kennenlernen kommt, sondern jemand, der das Unternehmen bereits von innen kennt und gleichzeitig bewusst von außen hineinblickt.

Mit einem Hintergrund in internationalem Management und Unternehmertum sieht er seine Rolle vor allem darin, die Fragen zu stellen, die vielleicht nicht immer angenehm, aber notwendig sind. Was kann schlauer? Was kann digitaler? Wo liegen Chancen, die eine etablierte Organisation selbst weniger schnell erkennt? Sein Kommen verändert den Kurs von Reflects nicht fundamental, gibt der Transformation aber neue Energie. Die Generation seines Vaters baute das Unternehmen auf und steuerte die scharfe Neupositionierung. Die Generation von Marc muss jetzt helfen, diese Entscheidung zukunftssicher zu machen.

Deutschland: unruhiger Markt, nervöse Kunden

Das alles geschieht keineswegs in einem ruhigen Markt. Über die deutsche Situation sind Meinhard und Peter auffallend offen. Sie skizzieren eine Wirtschaft, in deren Köpfen sich Unsicherheit festsetzt. Jahre des Krisengefühls, geopolitische Spannungen, steigende Kosten und anhaltende Regulierung machen Unternehmen vorsichtig.

Für den Werbeartikelmarkt bedeutet das eines: Verkaufen wird schwieriger. Nicht unbedingt, weil keine Nachfrage mehr da ist, sondern weil die Bereitschaft, schnell zu entscheiden, geringer wird. Der Markt ist volatiler, das Sentiment negativer.

Hinzu kommt der Regulierungsdruck. Vor allem im Bereich Nachhaltigkeit, Verpackungen und Produktangaben sehen sie eine Landschaft, die immer komplizierter wird. Natürlich will niemand zurück zur Zeit leerer grüner Versprechen, aber die Befürchtung ist, dass die Hürde, noch etwas Sinnvolles über Nachhaltigkeit zu kommunizieren, immer höher wird. Und das trifft gerade eine Branche, die viel mit Material, Herkunft, Verpackung und Verarbeitung zu tun hat.

Niederlande als wichtigster Exportmarkt

Bemerkenswerterweise klingt es über die Benelux-Länder deutlich positiver. Stärker noch: Die Niederlande sind für Reflects inzwischen der wichtigste Exportmarkt. Nicht Frankreich, nicht England, sondern die Niederlande.

Diesen Erfolg führen sie in Köln nicht dem Zufall zu. Die Erklärung liegt ihrer Meinung nach in Kontinuität und Nähe. Mit einer festen Vertretung*, niederländischsprachiger Unterstützung und langer Sichtbarkeit im Markt hat Reflects hier Vertrauen aufgebaut. Und Vertrauen bleibt in dieser Branche nach wie vor eines der stärksten Verkaufsargumente.

Für niederländische Distributoren ist das eine gute Nachricht. Denn es bedeutet, dass Reflects die Benelux nicht als Nebemarkt sieht, sondern als Kernregion, in die ernsthaft investiert wird.

Mehr Unterstützung, weniger Senden

Was dürfen Distributoren in den kommenden Jahren erwarten? Keine wilden Kursänderungen, keine plötzliche Erweiterung und auch keine Flucht in Masse. Eher das Gegenteil. Reflects will weiter an eigener Produktentwicklung, klaren Labels und Tools arbeiten, die Distributoren helfen, besser zu verkaufen. Mehr Trade Marketing, mehr clevere Präsentationen, mehr Unterstützung durch Produktdaten und Automatisierung. Nicht nur schöne Sachen machen, sondern dafür sorgen, dass Partner schneller und einfacher Geschäfte damit machen können.

Das klingt vielleicht weniger spektakulär als eine komplett neue Strategie. Aber vielleicht ist das gerade die Stärke von Reflects im Moment. In einem Markt, der zwischen Preisdruck, Regulierungswut und digitaler Eile schwankt, entscheidet sich das Unternehmen bemerkenswert ruhig für ein klares Prinzip: lieber Unterscheidung, die Erklärung benötigt, als Bequemlichkeit ohne Charakter.